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HÄNDE-HYGIENE – DIE MAXIMALVARIANTE

Die Übertragung von Krankheitserregern von Patient zu Patient innerhalb medizinischer Einrichtungen weist ein gewaltiges Bedrohungspotenzial auf. Das Risiko für Komplikationen steigt bis hin zu erhöhten Sterblichkeit. Große Kosten entstehen durch die Behandlung. Groß ist auch der erforderliche Aufwand für technische und bauliche Veränderungen, die das Ziel haben, das Übertragungsrisiko zu minimieren.

Dies sind mehr als gute Gründe, den bedeutsamsten Übertragungsweg in den Fokus zu rücken, nämlich den Kontakt über die Hände. Im folgenden wird eine Kampagne vorgestellt, bei der Hände-Hygiene zu Ende gedacht wird. Flächendeckend wird zukünftig in einer der großen Kinderkliniken Deutschlands auf den Händedruck zur Begrüßung und zur Verabschiedung verzichtet. Sinn der Kampagne ist, das Konzept so zu vermitteln, dass die Umsetzung schnell, konsequent, umfassend, nachhaltig, das heißt z.B. auch in Notfallsituationen erfolgt.

Zur Häufigkeit sogenannter nosokomialer Infektionen, d. h. der Erkrankung durch Krankheitserreger in medizinischen Einrichtungen, kann nur geschätzt werden. Aktuelle Zahlen reichen bis zu einer Million Betroffener in Deutschland pro Jahr. Alleine durch konsequente Umsetzung der Hände-Hygiene ist nach Meinung leitender Hygieniker bis zu einem Viertel dieser Komplikationen vermeidbar. Konsequente Händedesinfektion in allen definierten Situationen ist traditionell die Methode der Wahl - und höchstgradig effektiv.

Das Problem liegt in der Umsetzung. Denn der Aufwand ist groß. Bei jedem Patientenkontakt sind fünf Desinfektionsdurchgänge vorgegeben. Beobachtet man medizinisches Personal im Alltag werden davon je nach Bereich nur 1/5 bis die Hälfte der geforderten Händedesinfektionen ordnungsgemäß durchgeführt.
Besonders heikel ist das daraus resultierende Infektionsrisiko für Patienten mit eingeschränkten Abwehrmöglichkeiten. Darunter fallen alle Kinder und Jugendliche, umso mehr, je jünger sie sind, da bei Ihnen das Immunsystem noch jeden Tag „dazu lernen“ muß. Ein in diesem Umfeld besonders hohes Risiko weisen damit die Frühgeborenen auf, darüber hinaus Kinder mit onkologischen Erkrankungen, bei denen die Unterdrückung des Immunsystems Teil der Therapie ist, sowie zum Dritten Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen, die indirekt das Abwehrsystem überfordern, beispielsweise Mukoviszidose.
Genau diese Spezialisierungen führten in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Koblenz und Mayen seit Jahren zu einer ganz besonderen Wachsamkeit für das Thema. Frühzeitig war die Klinik beteiligt an der „Aktion saubere Hände“. Nun soll, erstmals in Deutschland in einer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, dieser Maßnahmenkatalog maximiert werden, indem konsequent auf den Händedruck bei Begrüßung und Verabschiedung verzichtet wird.

Eine solche Kampagne bedeutet einen erheblichen Kulturwechsel, kann missverstanden werden, gerät möglicherweise aufgrund der Gepflogenheiten außerhalb der Klinik rasch wieder in Vergessenheit. All dies war Anlass, eine umfassende Kampagne zu definieren, in der das Anliegen allgemein verständlich, im positiven Sinne des Wortes irritierend und mit dem Ziel maximaler Nachhaltigkeit präsentiert wird.




Chefarzt PD Dr. Thomas Nüsslein,
Gemeinschaftsklinikum  Mittelrhein, Kemperhof

Plädoyer aus ärztlicher Sicht für den Verzicht auf Händedruck in medizinischen Einrichtungen